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Herzstillstand !
Dem Tod in die Augen geschaut

Tatsachenbericht

Weihnachten, Zeit der Besinnung. Für mich waren es diesmal besondere Tage und sie standen unter einem besonderen Stern. Ich genoss jede Minute mit meinen Liebsten, meiner Frau und meinem Kind Joel (7). Mir wurde ein zweites Leben geschenkt!

Es passierte am Dienstag, 15. Oktober 2002, genau um 20:18 Uhr, als ich plötzlich für kurze Zeit dem Tod in die Augen geschaut habe. Ich wurde von einem plötzlich auftretenden Kammerflimmern mit anschließendem Herzstillstand völlig überrascht und es grenzt eigentlich an ein Wunder, dass ich noch lebe. Was war geschehen?


Im wahrsten Sinn des Wortes zum zweiten Mal geboren: Björn Dähler überlebte Herzstillstand


Erholsame Ferien in der Türkei

Rückblende; Sonntag, 13. Oktober 2002, kehrten meine Familie und ich aus den Ferien zurück. Wir erlebten in der Türkei wunderbare Tage, wie man sie sich nur wünschen kann! Auch das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite – Sonnenschein pur. Nach der anstrengenden Rückreise genossen wir am Montag erst einmal unsere wohlverdiente Ruhe. Frisch ausgeruht und voller Tatendrang besuchten wir am folgenden Tag die Expo in Biel. Ein tolles Erlebnis mit wunderbaren Attraktionen für Groß und Klein. Es gab viel Spannendes und Neues zu entdecken. Der Tag verging wie im Flug. Nach einer kleinen Stärkung begaben wir uns gegen 18 Uhr auf den Heimweg. Dabei diskutierten wir noch viel über das Erlebte an der Expo. Zuhause angekommen zog ich meine Turnkleidung an und fuhr ins Therapiezentrum Koch nach Derendingen. Dort absolviere ich seit rund einem Jahr in einer Trainingsgemeinschaft eine Rückentherapie. Seit fast drei Jahren leide ich unter einer schmerzhaften Diskushernie, weshalb ich zur Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur regelmässig diesen Kurs besuche.


Herzfrequenz von über 300 Schlägen pro Minute...

Etwa 20 Minuten nach Beginn des Trainings, ich stand dabei total ausgeruht und schaute den Anleitungen des Kursleiters zu, wurde ich aus dem absoluten Nichts von einem Herzstillstand überrascht. Innerhalb von zwei bis drei Sekunden fing mein Herz zu rasen an. Ich bekam ganz plötzlich Schwindelgefühle. Mein Ruhepuls von ca. 50 Schlägen in der Minute erhöhte sich innerhalb von wenigen Sekunden auf eine sagenhafte Herzfrequenz von über 300 Schlägen pro Minute. Ich wollte reagieren, indem ich absitzen und schreien wollte, um damit die anderen auf mich aufmerksam zu machen. Es ging aber alles so schnell, dass ich keine Zeit mehr hatte, um auf irgend etwas einzuwirken. Mir wurde dunkel vor den Augen und ich fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. (Zu vergleichen etwa mit dem schwarzen Loch der Galaxie).

Drei Stunden «unter dem Messer» –
und der Defibrillator war implantiert.



(Foto nicht authentisch; Szene nachgestellt)


Wie ein Baum umgefallen

Da ich während rund 15 Minuten bewusstlos war, stützen sich die nachfolgenden Angaben aus dem Erlebten der anwesenden Therapieteilnehmer und dem Kursleiter. Laut den Erzählungen soll ich wie ein Baum umgestürzt sein. Dabei hatte ich enormes Glück, da ich «nur» auf die Schulter fiel und deshalb mit dem Kopf nur schwach am Boden aufschlug. Alle Anwesenden waren geschockt, als ich urplötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel zu Boden fiel. Es herrschte riesige Hektik und keiner wusste so recht, was zu tun war. Einzig die Frage, ob ich noch lebe, stellte sich jeder! Es vergingen
einige Sekunden, bis eine Teilnehmerin die Initiative ergriff und die Verantwortung übernahm. Unglaublich! Sie war die Ehefrau eines Arztes und arbeitete in der Praxis ihres Mannes. Ihre Anweisungen waren denn auch professionell und so wurde ich in Rückenlage gebracht und von ihr beatmet. Gleichzeitig wurde durch einen anwesenden Therapeuten die Herzdruckmassage eingeleitet.


Bewusstlos und schon blau angelaufen

Der Zufall wollte es, oder soll man es Glück nennen, dass die Beiden je einen Kurs für lebensrettende Sofortmaßnahmen besucht hatten. So wussten sie über das Beatmen und das richtige Timing mit der Herzdruckmassage Bescheid. (Erste-Hilfe-Massnahme bei Herzstillstand: Durch rhythmischen Druck auf den Brustkorb wird ein minimaler Blutkreislauf aufrechterhalten). Die alarmierte Ambulanz traf etwa 15 Minuten nach dem Ereignis ein. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde mittels Beatmen und Herzmassage versucht, mich am Leben zu erhalten. Ich erlangte das Bewusstsein jedoch nie. Im Gegenteil, so soll ich blau angelaufen sein und meine Augen sollen sich verdreht haben. Als der Krankenwagen vor Ort eintraf, versuchten die Rettungssanitäter sofort mich mittels Defibrillation, (Beseitigung lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen(Kammerflimmern) durch einen elektrischen Schock), zu reanimieren. Die ersten beiden Elektroschocks zeigten aber keine Wirkung. Erst beim dritten Versuch erlangte ich wieder das Bewusstsein. Anschliessend wurde ich ans EKG angeschlossen und mit einer Infusion versorgt. Nachdem ich stabil und transportfähig war, fuhr mich die Ambulanz mit Blaulicht und Sirene zur Beobachtung und weiteren Abklärungen ins Bürgerspital Solothurn.


Unheimliche Angst nach drei Kollapsen

Die nächsten Stunden verbrachte ich auf der Intensivstation. Ich befand mich in einem sehr kritischem Zustand. Die Ärzte im Spital Solothurn haben mir immer wieder gesagt, ich hätte unglaublich viel Glück gehabt, dass ich überhaupt noch am Leben sei. Während der Nacht kollabierte ich noch ganze drei Mal. In der Folge hatte ich wegen diesen erlittenen drei Kollapsen unheimlich Angst und es kam ein ungutes Gefühl in mir hoch. Laut Auskunft der Ärzte im Bürgerspital Solothurn wurde ich wie ein Herzinfarktpatient behandelt. Genaures könne man mir erst nach einer Herzkatheteruntersuchung im Inselspital sagen, wurde mir von den Ärzten erklärt. So wurde ich am Mittwoch mit der Ambulanz dorthin überführt. Unmittelbar nach Eintreffen im Uni-Spital Bern untersuchte man mich auf die koronare Herzkrankheit (Herzinfarkt). Diese Krankheit wird verursacht durch eine oder mehrere Verengungen in den Koronararterien, (Herzkranzgefäss; die den Herzmuskel versorgende Arterien), die durch Fettablagerungen oder Blutgerinnsel entstehen. Als Folge der ungenügenden Durchblutung und des Sauerstoffmangels kommt es zu Brustschmerzen (Angina pectoris). Je nach Schweregrad der Verengung können diese Schmerzen während einer Anstrengung oder auch in Ruhe auftreten. Wenn die Ablagerungen die Arterie ganz verstopfen, können sie einen Infarkt auslösen. Die Herzkatheteruntersuchung bezweckt, die verengten Koronararterien ohne Operation zu erweitern. Dies geschieht mit Hilfe eines Katheters (feiner Kunststoffschlauch), der mit einem kleinen Ballon versehen ist. Über eine Pulsader wird der Katheter bis zur Koronararterie geschoben (klicken für Abbildung)


Kammerflimmern mit anschliessendem Herzstillstand

Die Herzkatheteruntersuchung zeigte normale Koronararterien (Ausschluss einer koronaren Herzerkrankung), weshalb diese bereits nach ca. 30 Minuten abgebrochen wurde. Auch die nachfolgend durchgeführte Echokardiographie (Ultraschalluntersuchung des Herzens), das Kardial-MRI sowie die elektrophysiologische Untersuchung ergaben keinen Nachweis auf eine Herzerkrankung. Mit Bestimmtheit konnte man aber diagnostizieren, dass es bei mir am 15. Oktober zu einem Kammerflimmern mit anschließendem Herzstillstand ausserhalb eines akuten Infarktgeschehens kam. Dabei erlitt ich eine Arrhythmie der Herzrhythmen, bei welcher das Herz so schnell schlägt, dass sich die Herzkammern zwischen den Herzschlägen nicht vollständig mit Blut füllen können. Das heisst, es wird weniger Blut und weniger Sauerstoff durch den Körper gepumpt, was zu Schwindel, Ohnmachtsanfällen oder sogar zum Herzstillstand führen kann. Der Herzstillstand tritt bei ungefährer Herzfrequenz von 300 Schlägen in der Minute ein. Es entsteht daher eine lebensbedrohliche Situation.


Ursache erst etwa in 10 Jahren medizinisch erklärbar

Um den normalen Herzrhythmus wiederherzustellen, muss sofort mit einer Elektroschockbehandlung mittels Defibrillator begonnen werden. Wieso es aber bei mir zu einer Arrhythmie der Herzrhythmen kam, können sich die Ärzte nicht erklären! Die Medizin werde erst in etwa 10 Jahren soweit sein, um darüber Aufschluß zu geben. Somit war die Indikation zur ICD-Implantation gegeben. Ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator (ICD-implantable cardioverterdefibrillator) sieht einem Herzschrittmacher sehr ähnlich. Wie vielleicht bereits bekannt ist, beschleunigt ein Herzschrittmacher einen zu langsamen Herzrhythmus. Ein ICD bewirkt genau das Gegenteil. Es verlangsamt einen zu schnellen Herzrhythmus. Mit Hilfe eines elektronischen Schaltkreises überwacht der batteriebetriebene ICD den Herzrhythmus und verabfolgt, falls erforderlich, eine Behandlung. Diese Behandlung besteht in der Abgabe von elektrischen Impulsen an das Herz. Der ICD ist durch Drähte an das Herz angeschlossen. Ein Defibrillator ist ein kleines Gerät, das schnelle, lebensgefährliche Rhythmusstörungen automatisch erkennen und behandeln kann. Ein Pulsgenerator, ähnlich einem Herzschrittmacher, wird in der Regel unter dem linken Brustmuskel eingepflanzt und über eine oder mehrere Sonden mit dem Herzen verbunden. Diese Sonden werden im Herzen angebracht. Die zu erwartende Lebensdauer eines ICDs beträgt 5 bis 10 Jahre. Sie hängt von der Häufigkeit der Therapieverabreichungen ab. Wenn eine Batterie nachlässt, muß der ganze ICD ersetzt werden.


Drei Stunden im «OP»

Am Freitag, 18. Oktober, war es dann soweit und mir wurde während einer dreistündigen Operation ein solcher Defibrillator implantiert. Während der Operation wurden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, um die ideale Sondenanordnung festzustellen. Die Untersuchungen umfaßten auch das mehrfache Herbeiführen von Kammerflimmern und dessen Beendigung durch den ICD mittels Elektroschocks. (Siehe Abb.)

ICD-System mit einer Elektrode:
Bild: Schweizerische Herzstiftung, Bern

Die Operation verlief sehr gut und der implantierte Defibrillator funktionierte in der Untersuchung bestens. Deshalb konnte ich bereits anderntags das Spital verlassen. Mit enormen Glücksgefühlen, endlich zur Familie zurückzukehren, ging ich heim. Zuhause machte ich mir dann immer wieder Gedanken darüber, weshalb ich ein so unglaublich großes Glück hatte! Zudem war ich verunsichert und es war für mich zunächst irritierend, in einer lebensbedrohlichen Situation von einem Gerät abhängig zu sein. Im Wissen, dass das ICD-Gerät rund um die Uhr auf mich aufpasst, verlor ich mit der Zeit die Angst vor einem möglichen plötzlichen Herztod. Ich lernte auch, das ICD-Gerät bewusst wahrzunehmen und zu akzeptieren. Ich schenkte ihm vertrauen. In der Zwischenzeit ist der Defibrillator ein ergänzender Bestandteil meines Herzens geworden und ich habe ihn in meinem Körper integriert.


Verarbeitung des Traumas

Im Wissen, dass ich unglaublich grosses Glück gehabt habe, hat der Herzstillstand – neben dem Implantieren des Defibrillators – keine weiteren Folgen für mich. Dank dem ICD-Gerät kann ich heute meinen Alltag ohne Angst wieder voll bewältigen und meine geliebten Hobbys ohne Einschränkungen wieder geniessen. In den folgenden Wochen diskutierte ich sehr viele Stunden in Einzelgesprächen mit meinen Lebensrettern, sozusagen als Verarbeitung des Traumas. Zwei Monate nach dem Unglückstag verabredete ich mich mit allen Beteiligten zu einem gemütlichen Abendessen. Aus der Lebensrettung, so scheint es, haben sich Freundschaften fürs Leben entwickelt. Aus diesem Grund wollen wir – nebst dem gemeinsamen Training – jedes Jahr auf mein zweites Leben anstossen! Heute frage ich mich manchmal, wie das alles nur passieren konnte, und ob der Defibrillator jemals auslösen wird! Dann ist es unheimlich still ihn mir und ich überlege – Mensch, ich hätte tot sein können – dann sage ich mir, dass jeder Tag, jede Stunde und jede Minute etwas Besonderes ist. So habe ich meinen persönlichen Lebensrhythmus wieder gefunden.


«Geniesse das Leben, denn es ist das Einzige, das Du wirklich hast! Geniesse dein Leben, denn Du hast nur dieses eine...!»


Wir danken Björn Dähler sowie dem Mediendienst der KP Solothurn, dass wir den Bericht veröffentlichen dürfen und wünschen Björn für die Zukunft alles Gute


Aktualisiert am 23.5.2005
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